Beige, Ocker und andere Brauntöne. Karge Landschaften, einzelne Bäume in skurrilen Formen und die brennende Hitze der Sonne, die auf mich herabscheint. Das waren die Bilder, die ich vor meiner Reise nach Socotra zu dieser Insel im Kopf hatte.
Kein falsches Bild, ganz und gar nicht! In den letzten Tagen, auf unserem Weg hierher, habe ich all das gesehen und gespürt. Habe die Formen der Drachenblutbäume und der Flaschenbäume bestaunt, mir den Sand von meinen verschwitzten Beinen gewischt, bevor ich abends in meinen Schlafsack gekrochen bin um die ganze Nacht über weiter zu schwitzen. Habe einen Tausendfüßler unter einem Stein Schutz suchen beobachtet und den Sonnenuntergang das Braun des Bodens in rotes Licht tauchen sehen. Und doch ist all das nur ein Bruchteil dessen, was diese Insel zu bieten hat.
Mit verschränkten Beinen sitze ich auf einem Felsen in Skant, nahe des höchsten Punktes der Insel. Ich lasse meinen Blick schweifen über all das Grün das mich umgibt und bin dankbar für meine Regenjacke, die mich vor dem kalten Wind schützt. Hin und wieder erhasche ich den Blick auf ein Tal, bevor es wieder hinter dem nebligen Grau der Wolken verschwindet. In unglaublicher Geschwindigkeit ziehen sie hier oben an mir vorbei, während all die Eindrücke der letzten Tage in ähnlicher Geschwindigkeit durch meine Gedanken fliegen.
Plastikfressende Ziegen in Hadiboh, ausgetrocknete Flussbetten, Krebse in kleinen Flussläufen, das Knirschen in meinem Ohr, weil ein Papageienfisch an einer Koralle knabbert. Absolute Dunkelheit in einer Höhle, Kletterpassagen, die mit schwerem Rucksack eine Herausforderung darstellen, Palmen die uns Schatten spenden, Felsinseln in einem Nebelmeer, die paar Brocken Sokotri, die ich schon gelernt habe,… die wundervolle Flut an Gedanken nimmt gar kein Ende.
Nachdem wir unsere Campspots die Tage zuvor immer gerade noch vor Einbruch der Dämmerung erreicht und unsere Zelte im letzten Licht der Sonne aufgebaut hatten, waren wir heute schon gegen Mittag an unserem Ziel. Es tut gut, ein wenig Zeit zu haben, all das Erlebte verarbeiten zu können und ich kann mir keinen besseren Ort dafür vorstellen, als diesen hier.
Dieser Ort, den nur wenige Menschen besuchen und der auch für die lokale Bevölkerung in der Regel ungesehen bleibt, strahlt eine solche Kraft und Ruhe aus, wie ich es noch selten erlebt habe. Ich fühle mich hier sofort angekommen und geborgen und nach und nach kommen nicht nur meine Muskeln sondern auch mein Geist hier zur Ruhe.
Ich atme ein,… atme aus… spüre die Freiheit, spüre mich.
Umgeben von all den endemischen Pflanzen Socotras, die sich hier oben die Feuchtigkeit aus der Luft ziehen, und ein so grünes Bild malen, beobachte ich oder beobachten mich zwei Schmutzgeier, die für mich genauso sehr zu dieser Insel gehören wie die berühmten Drachenblutbäume.
Ich weiß noch nicht, dass sie oder ihre Brüder und Schwestern auch beobachten werden, wie mir die Tränen über die Wangen laufen, weil eine Ziege für uns geschlachtet wird, wie die Zweige des Gebüschs mir beim Abstieg ein Loch in die Hose reißen, wie wir unter einem uralten Baum im Mondschein die jemenitische Gastfreundschaft bei einem Glas Schwarztee genießen oder wie Delphine neben unserem Boot schwimmen und aus dem Wasser springen. All das und so vieles mehr weiß ich noch nicht, aber ich weiß, dass diese Insel ihre eigenen Regeln schreibt und mir bestimmt noch verschiedene Gesichter zeigen wird. Ich weiß, dass ich an einem ganz besonderen Ort bin. Ich weiß, dass ich mich für immer an das Gefühl des angekommen Seins hier erinnern werde.
Ich blicke auf und sehe einen kreisrunden Regenbogen den die Sonne in die Luft malt. Einen kreisrunden Regenbogen und in der Mitte das Bild einer Gestalt, das vielleicht und vielleicht nicht mein eigener Schatten ist.